Verhaltensstrategien, die eine optimale Informationsverarbeitung und Informationsrepräsentation auf Hirnebene ermöglichen, stehen im Mittelpunkt der geplanten Untersuchungen. Hierzu werden Untersuchungen an Gesunden, hirngeschädigten und psychiatrisch auffälligen Patienten mittels neuropsychologischer und neuroradiologischer Verfahren durchgeführt. Funktionen der Gedächtniseinspeicherung und Gedächtnisabruf sollen gleichermaßen im Zentrum der Untersuchung stehen wie auch die zeitliche und inhaltliche Differenzierung des Gedächtnisses. Ähnlichkeiten und Differenzierungskriterien für direkt organisch bedingte und psychogen bedingte Gedächtnisstörungen sollen herausgearbeitet werden; hierbei stehen auch Interaktionen zwischen mnestischen und emotionalen Komponenten im Zentrum des Interesses.
Strategien, die zu einer optimalen
Repräsentation von Information auf Hirnebene führen, sollen erforscht
werden, wobei sowohl die Entwicklung von Strategien zur Einspeicherung wie
zum Abruf von Information erfaßt werden sollen. Hierbei wird neben der
zeitlichen Unterteilung von Gedächtnis in kurzzeitige und langfristige
Repräsentation von differenzierten inhaltlichen Untergliederungen ausgegangen
(Markowitsch, 1996a; Tulving und Markowitsch, 1998). Zusätzlich soll
das Zusammenwirken kognitiver und emotionaler Aspekte der Informationsverarbeitung
im Vordergrund der Untersuchung stehen.
Der gegenwärtige Stand der
Forschung auf dem Gebiet der Neuropsychologie der Informationsverarbeitung
ist gekennzeichnet einerseits durch eine zumindest teilweise Konvergenz von
Daten auf Hirn- und Verhaltensebene (Markowitsch, 1995, 1996a, 1997a, b, 1998;
Tulving & Markowitsch, 1997, 1998), die dazu führten, daß in
einem groben Raster unterschiedliche Hirnkorrelate für zeitliche und
inhaltliche Prozesse der Informationsverarbeitung etabliert werden konnten.
Anderseits treten jedoch auf einer stärker feinrastrigen Ebene zunehmend
Unterschiede zu Tage, die einer Klärung bedürfen. Hierzu zählen
die Dauer des Konsolidierungsprozesses (Markowitsch, 1997c, 1998a, 1998b),
die Differenzierung innerhalb des deklarativen Gedächtnisses (Tulving
1998; Tulving & Markowitsch, 1998), die Hemisphärenspezifität
des Informationsabrufs (Markowitsch, 1995, 1997c; Thompson-Schill et al.,
1997), die Rolle individueller Hirnstrukturen (insbesondere des Temporalpols
gegenüber Stirnhirnanteilen) (Fink et al., 1996; Kroll et al., 1997;
Markowitsch, 1997c) sowie die Verknüpfung von episodischem und autobiographischem
Gedächtnis (Cahill et al., 1995; Markowitsch, 1996b, 1997b, 1998a, b;
Markowitsch et al., 1997a-c, 1998).
Von besonderem Interesse ist auch
die Frage von Altgedächtnisstörungen (Markowitsch, 1995) und deren
Gründe und Ätiologien. Neueste Forschungen sprechen hier für
Ähnlichkeiten zwischen psychogenen und direkt organisch bedingten Formen
(Markowitsch, 1996b) und lassen biochemische Änderungen (Markowitsch,
1997b) wie eine geänderte Glucocorticoidaufnahme und eine unterschiedliche
Wirksamkeit von GABA-Agonisten als Ursachen möglich erscheinen. In diesem
Bereich sind Wechselwirkungen zwischen Gedächtnis und Affekt von großer
Bedeutung. (Man behält die Information eher, die einen interessiert oder
die einen überrascht, in Erstaunen oder Schrecken versetzt.)
Die geplanten Untersuchungen bauen auf unseren Arbeiten zu emotionalen und Gedächtnisstörungen nach amygdaloiden Hirnschäden auf (Cahill et al., 1995), auf Erkenntnissen zur Abrufansteuerung auf Hirnebene, die mit hirngeschädigten Patienten (Kroll et al., 1997) und Normalen (Fink et al., 1996) erhalten wurden und auf Untersuchungen an psychiatrisch auffälligen Patienten mit Gedächtnisstörungen (Markowitsch et al., 1997).
Die direktesten Zusammenhänge sind zu den Bereichen von Herrn Clarenbach (Neurolog. Klinik) und Herrn Cruse gegeben. Mit Herrn Clarenbach besteht schon seit vielen Jahren eine Zusammenarbeit, Herr Cruse will in seinem Bereich Simulationsvorgänge für inhaltliche Lernvarianten untersuchen. Damit ergibt sich ein sehr direkter Anknüpfungspunkt an unsere Untersuchungen zur ebenfalls inhaltlichen Differenzierung von Lern- und Gedächtnisvorgängen im Humanbereich. Mit den anderen Mitgliedern der Fakultät für Biologie existiert ebenso seit Jahren Zusammenarbeit, wobei insbesondere Prof. Bischof schon bei der Begutachtung mehrerer Doktorarbeiten mitwirkte. Zu seiner Arbeitsgruppe und denen von Herrn Egelhaaf und Herrn Trillmich - aber auch zu denen von Herrn Albers und Herrn Knoll - bietet sich eine Zusammenarbeit vor allem hinsichtlich grundsätzlicher Mechanismen der Verhaltenskontrolle, Verhaltenssteuerung und Entscheidungsfindung an (gerade dies ist ja eine Handlungsweise, die wesentlich an ein intaktes Gedächtnis und an Strukturen des Frontalhirns gekoppelt ist). Zu Fragen der Informationsvernetzung und Informationstheorie läßt sich eine Zusammenarbeit mit dem Bereich von Herrn Ritter und Herrn Sagerer vorstellen.