Promotionsprojekt im GK Verhaltensstrategien und Verhaltensoptimierung

Retrogrades und anterogrades Gedächtnis: Funktionelle und organische Korrelate


Esther Fujiwara

Kristina Fast

Gedächtnis kann in unterschiedliche Gedächtnissysteme unterteilt werden, wobei sowohl eine Einteilung nach zeitlichen Aspekten (Arbeitsgedächtnis, Kurzzeitgedächtnis, Langzeitgedächtnis) als auch nach inhaltlichen Aspekten vorgenommen werden kann. Letztere meint beispielsweise eine Einteilung nach semantischen und episodischen Aspekten von Gedächtnisinhalten, wobei bezüglich der Charakterisitka der inhaltlichen Gedächtnissysteme unterschiedliche Ansichten in der Literatur zu finden sind (Squire & Zola, 1996; Tulving, 1999; Tulving & Markowitsch, 1998). GRAFIK
Auch kann eine Einteilung nach Stufen der Infomationsverarbeitung der zu speichernden Informationen wie Einspeicherung, Konsolidierung, Ablagerung und Abruf vorgenommen werden. Gedächtnisstörungen können dabei sowohl verschiedene zeitliche oder inhaltliche Aspekte des Gedächtnisses, als auch bestimmte Informationsverarbeitungsschritte betreffen.
Untersucht man Gedächtnisdefizite bei Patienten nach einer Hirnschädigung lassen sich anterograde und retrograde Amnesien unterscheiden. Anterograde Amnesie meint dabei einen Verlust der Fähigkeit, Informationen nach dem Zeitpunkt der Schädigung zu erwerben, retrograde Amnesie betrifft den Verlust oder die Störung des Abrufs von Gedächtnisinhalten aus dem Zeitraum vor der Schädigung. GRAFIK

Es lassen sich ferner neuronale Netze der Informationsverarbeitung bestimmen und Parallelen zwischen Gedächtnisstörungen bei hirngeschädigten Patienten und bei Patienten nach psychischen Traumata herstellen (Markowitsch, 1999a, b, 2000, 2001). In unserem Projekt konzentrieren wir uns auf die gezielte Untersuchung retrograder Gedächtnisdefizite sowohl im episodischen als auch im semantischen Bereich bei Patienten mit hirnorganischer Schädigung sowie bei Patienten mit psychischen Traumata. Bei Patienten mit hirnorganischer Schädigung können neben der strukturellen Läsion auch weitere, funktionelle Beeinträchtigungen z.B. in Form gestörter Stoffwechselprozesse gefunden werden. Es kann davon ausgegangen werden, daß auch psychogene Amnesien sich in Form geänderter Stoffwechselprozesse niederschlagen (Markowitsch, 1996, 1998, 1999b, 2000), die unter Umständen zu fehlerhaften Einspeicherungs- oder Abrufmechanismen in den entsprechenden Hirnregionen führen können. Hieraus ergibt sich die grundlegende Frage nach der Lokalisation gedächtnisrelevanter Strukturen. Das limbische System wird als zentral für die Einspeicherung angesehen und der Neocortex als relevant für die Ablagerung von Gedächtnisinhalten. Bezüglich des Abruf bereits gespeicherter Information angeht, ist die Hirnebene weniger konsistent beschrieben. Dies liegt daran, daß insbesondere die beiden folgenden zentralen Fragen noch unbeantwortet sind: (a) Sind anterograde und retrograde Amnesien grundsätzlich Konsequenz derselben Hirnschädigungen (immer oder manchmal)? (b) Lassen sich anterograde und retrograde Amnesien funktioneller (psychogener) Natur und organischer Natur auf dieselben Änderungen der gleichen neuralen Ebene zurückführen? Die psychologische Fragestellung ist dabei, ob sich organische oder psychogene/funktionelle Amnesien hinsichtlich zeitlicher Gradienten in der Altgedächtnisleistung und inhaltlicher Defizite unterscheiden. Verbunden mit dieser Frage ist die nach dem Zusammenhang von Gedächtnis und Emotion (z.B. Adolphs et al., 1994; Damasio, 1995; Kessler et al., 1997; Markowitsch et al., 1998, 1999a, b, 2000). Primärer Forschungsgegenstand dieser Untersuchung stellen insbesondere der Abruf von Informationen aus dem Altgedächtnis und die Bedeutung emotional-affektiver Tönungen für Abrufleistungen dar. Die erwarteten Ergebnisse sollen somit Hypothesen über Struktur-Funktions-Zusammenhänge festigen oder falsifizieren. In einem ersten Schritt mußten bestehende modelltheoretische Annahmen für das Projekt in ein Basismodell integriert werden, um eine dem aktuellen Erkenntnisstand angemessene Operationalisierung der Fragestellung zu gewährleisten. Hierfür werden zur Patiententestung Verfahren für die neuropsychologische Diagnostik im Altgedächtnis-, Neugedächtnis- und Affektbereich entwickelt und/oder bearbeitet. Die überarbeiteten und neu entwickelten Verfahren werden in einem nächsten Schritt an gesunden Kontrollpersonen validiert und bei drei verschiedenen Patientengruppen eingesetzt. Diese setzen sich zusammen aus:

  • Patienten mit retrograder Amnesie und heterogener Hirnschädigung
  • Patienten mit fokaler Hirnschädigung in gedächtnisrelevanten Strukturen und fraglicher retrograder Amnesie
  • Patienten mit retrograder Amnesie infolge psychischer Traumata.

 

Projekt Esther Fujiwara

 

Literatur:

Adolphs R, Tranel D, Damasio H, Damasio A. Impaired recognition of emotion in facial expressions following bilateral damage to the human amygdala. Nature (1994) 372, 669-672.
Damasio, AR. Descartes' Irrtum. München: List, 1995.
Kessler J, Markowitsch HJ, Huber R, Kalbe E, Weber-Luxenburger G, Kolk P. Massive and persistent anterograde amnesia in the absence of detectable brain damage - anterograde psychogenic amnesia or gross reduction in sustained effort? J Clin Exp Neuropsychol (1997) 19, 604-614.
Markowitsch HJ. Retrograde amnesia: Similarities between organic and psychogenic forms. Neurol Psychiat Brain Res (1996) 4, 1-8.
Markowitsch HJ. The mnestic block syndrome: Environmentally induced amnesia. Neurol Psychiat Brain Res (1998) 6, 73-80.
Markowitsch HJ. Gedächtnisstörungen. Stuttgart: Kohlhammer, 1999a. Markowitsch HJ. Functional neuroimaging correlates of functional amnesia. Memory (1999b) 7, 561-583.
Markowitsch HJ. Memory and amnesia. In M-M Mesulam (Ed.), Principles of cognitive and behavioral neurology (pp 257-293). Philadelphia, PA: F.A. Davis Comp., 2000.
Markowitsch HJ. Amnesia, transient and psychogenic. In NJ Smelser, PB Baltes (Eds.), International encyclopedia of the social and behavioral sciences (Vol. 25: Behavioral and cognitive neuroscience; eds. R.F. Thompson & J.L. McClelland) (in press). Oxford: Pergamon, 2001.
Squire LR, Zola SM. Structure and function of declarative and non declarative memory systems. Proc Natl Acad Sci USA (1996) 93, 13515-13522.
Tulving E, Markowitsch HJ. Episodic and declarative memory: Role of the hippocampus. Hippocampus (1998) 8, 198-204.
Tulving, E. (1999). Episodic vs. semantic memory. In R. Wilson & F. Keil (Eds.), The MIT encyclopedia of the cognitive sciences (pp. 278-280). Cambridge, MA: MIT Press.