| There is in general no guarantee of the correctness
of our memory; and yet we yield to the compulsion to attach belief to its data far more often than is objectively
justified. |
| Freud (1900, p. 193) |
Wir vertrauen unserem Gedächtnis häufig mehr als handfesten Beweisen. Woran liegt es, dass wir immer wieder
hartnäckig auf unserer Erinnerung beharren?
Die meisten Menschen sind der Meinung, ihr Gehirn funktioniere ähnlich wie ein Computer. Das heißt sie
glauben, dass wenn sie sich an ein Erlebnis erinnern, in ihrem Kopf eine Art Film abläuft, der während des
Erlebnisses 'aufgezeichnet' wurde und dieses wirklichkeitsgetreu wiedergibt. Es fällt ihnen schwer zu verstehen,
dass Erinnerungen nicht unveränderlich in unser Gehirn eingraviert werden, sondern mit jedem neuen Tag und durch
jede neue Erfahrung, die wir machen, modifiziert werden können.
Generieren von Erinnerungen und 'false memories'
Die Entstehung unseres Gedächtnisses bzw. unserer einzelnen Erinnerungen lässt sich in fünf Schritte
unterteilen: Informationen werden über Sinnesorgane aufgenommen und anschließend im Gehirn verarbeitet,
abgespeichert, gefestigt und abgerufen [Informationsaufnahme > Enkodierung > Abspeicherung > Konsolidierung
> Abruf] (Markowitsch 2002).
Dabei wirkt sich die jeweilige Situation, in der man sich befindet, auf die Wiedererinnerung und das darauf folgende
wiederholte Abspeichern aus. Da die neuen Informationen modifizierend wirksam werden können, muss die erneut
abgespeicherte Erinnerung nicht mehr unbedingt der ursprünglichen Erinnerung entsprechen.
Dies ist nur ein Beispiel dafür, an welchen Stellen es bei der Gedächtnisgenerierung zu Fehlern kommen
kann.
Schacter (2000) fasst die verschiedenen möglichen Fehler zu den
'Sieben Sünden des Gedächtnisses' zusammen:
- 'transience' - Flüchtigkeit: Informationen verblassen über die Zeit
- 'absent-mindedness' - Unaufmerksamkeit: geistige Abwesenheit
- 'blocking' - Blockierung: zeitlich begrenzte Phase, in der man bestimmte Informationen nicht abrufen kann
- 'misattribution' - Falschzuordnung: Informationen werden mit einer falschen Quelle attribuiert
- 'suggestibility' - Suggestibilität: Beeinflussbarkeit, während des Abrufs werden Erinnerungen
eingepflanzt
- 'bias' - Befangenheit: rückwirkende Verzerrung und unbewusste Beeinflussung der Erinnerung aufgrund
des aktuellen Wissensstandes und von Vorurteilen
- 'persistence' - Persistenz: Unfähigkeit vergessen zu können
Diese sieben Sünden verdeutlichen, dass 'false memories' nicht auf Fehlfunktionen beruhen sondern ein Beiprodukt
des normalen Funktionierens unseres Gedächtnisses sind. In der Regel resultieren aus solchen Verfälschungen
keine ernsthaften (wie etwa strafrechtliche) Konsequenzen für uns oder andere. Allerdings wurden schon des
öfteren Fälle publik, bei denen 'false memories' zur Verurteilung Unschuldiger führte.
Elizabeth Loftus (2003) hat Anfang diesen Jahres in einer
Veröffentlichung einige dieser Fälle aufgezeigt.
["Ronald Cotton, a North Carolina prisoner who was convicted in 1986 of raping a 22-year-old college student,
Jennifer Thompson, puts a human face on these cases. Thompson stood up on the stand, put her hand on the Bible
and swore to tell the truth. On the basis of her testimony, Cotton was sentenced to prison for life. Eventually,
DNA testing - which began 11 years after Thompson had first identified Cotton - proved his innocence. Another man,
Bobby Poole, pleaded guilty to the crime." Loftus, 2003]
Einteilung des Gedächtnisses
Das Gedächtnis wird in der Literatur vor allem nach zwei Kriterien unterteilt: Zeit und Inhalt, von denen
das Kriterium "Zeit" das allgemein bekanntere ist. Man unterscheidet hier nach der Speicherdauer Ultrakurzzeit-
(˜ wenige 100 ms), Kurzzeit- (Sekunden bis wenige Minuten) und Langzeitgedächtnis (nahezu unbegrenzt).
Inhaltlich wird das Gedächtnis nach aktuellem Forschungsstand in fünf Kategorien unterteilt
(Markowitsch 2000):
- episodisch: autobiographische Informationen
- semantisch: Allgemeinwissen, Zeitpunkt des Lernens ist nicht mehr bekannt
- perzeptuell: Erkennen von Gegenständen und Objekten aufgrund von Bekanntheits- oder
Familiaritätsurteilen
- Priming: Erinnern von unbewusst wahrgenommener Information
- prozedural: körperliche Fertigkeiten (z.B: Autofahren, Schwimmen)
Wichtig für mein Forschungsvorhaben ist eine weitere Einteilung des menschlichen Gedächtnisses in
reproduktiv und konstruktiv (Schacter 1998). Das reproduktive
Gedächtnis umfasst die Vorgänge des korrekten Erinnerns bzw. des Vergessens tatsächlich erlebter
Ereignisse. Konstruktives Gedächtnis (= 'false memories') beinhaltet das Produzieren von nicht erlebten
Informationen.
'False memories'
'False memories' kann man in drei Unterkategorien einteilen: Konfabulationen, Intrusionen und falsche Rekognitionen.
Unter Konfabulationen versteht man narrative Erzählungen von Erlebnissen (meist autobiographischer Natur), die
nie oder anders stattgefunden haben. Konfabulationen werden noch weiter unterteilt nach ihrem Auslöser: spontan
oder provoziert. Spontanes Konfabulieren tritt vor allem bei Patienten auf, die eine Hirnschädigung haben. Dem
entgegen steht das provozierte Konfabulieren, das auch bei einer gesunden Person z.B. durch suggestive Befragungen
ausgelöst werden kann.
Intrusionen und falsche Rekognitionen können mittels Tests induziert werden. Hierbei wird häufig ein von
James Deese (1959) entwickeltes Verfahren genutzt. Die Versuchspersonen lernen eine Liste, welche aus zwölf
semantisch ähnlichen Wörtern besteht ("Deese-Listen", z.B. Nacht, Bett, müde, Traum. Während
der anschließenden Abrufphase erinnern sich die Versuchspersonen häufig an ein 'kritisches Zielitem'
(z.B. Schlaf), obwohl dieses nicht mit der Liste gelernt wurde. Besonders stark ist dieser Effekt, wenn sich die
gelernten und die ungelernten Items semantisch oder phonetisch ähneln. Hierbei werden die ungelernten, semantisch
ähnlichen Items auch als Distraktoren bezeichnet.
Diese Form von 'false memories' wird als Intrusionen bezeichnet, d.h. zusätzlich zu den wirklich gelernten oder
erlebten Informationen werden 'künstliche' d.h. nicht gelernte, Informationen wiedergegeben.
Unter falschen Rekognitionen versteht man hingegen, dass ein vorgegebenes neues Item fälschlicherweise als
gelernt klassifiziert wird. Für das oben beschriebene Experiment würde das bedeuten, dass auf das Lernen
keine freie Abrufphase folgt, sondern den Versuchspersonen eine lange Liste von Wörtern vorgelegt wird, die aus
Testitems und Distraktoren besteht. Die Versuchspersonen müssen bei jedem Wort entscheiden, ob sie es zuvor
gelernt haben oder nicht. Bezeichnen sie hierbei z.B. das Wort 'Schlaf' als gelernt, handelt es sich um eine falsche
Rekognition.
Anatomie von 'false memories'
Prinzipiell sind bei 'false memories' die gleichen Gehirnareale beteiligt wie auch beim Abruf 'richtiger'
Erinnerungen. Als besonders zentral hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang Aktivierungen des Frontallappens und
des Temporallappens.
Kopelman (1999) erstellte ein Modell der theoretischen
und biologischen Grundlagen von 'false memories'. Er postulierte hier fünf Systeme:
- Medial temporal/diencephales Gedächtnissystem
- Abspeicherung und Konsolodierung neuer Informationen sowie Abruf kürzlich erworbener
Gedächtnisinhalte
- Temporo-parietal phonologischer Schaltkreis
- Teil des episodischen Systems
- Aktivierung bei richtigen Rekognitionen
- Präfrontaler / cerebellarer Fehlerentdeckungsschaltkreis
- Teil des frontalen Kontrollsystems
- Aktivierung bei falschen Rekognitionen
- Frontales Kontrollsystem
- Planen, Organisieren, Spezifikation von Gedächtnisspuren, Überprüfung abgerufener
Gedächtnisinhalte
- wichtig für den Abruf aus dem autobiographischen/episodischen Gedächtnis
- Selbst
- persönlich-semantisches Glaubenssystem
- interagiert mit dem frontalen Kontrollsystem und dem autobiographischen Gedächtnisspeicher