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Graduate Programme Strategies and Optimization of Behaviour
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Autobiographisches Gedächtnis bei Adoleszenten

Promotionsprojekt von Betreut durch
Silvia Oddo Prof. Dr. Hans J. Markowitsch
und
Prof. Dr. Harald Welzer


1. Einleitung

Meine Promotionsarbeit "Autobiographisches Gedächtnis bei Adoleszenten" stellt ein Teilprojekt eines umfassenden Volkswagenprojekts "Erinnern und Gedächtnis. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt" dar.
Im Folgenden wird zunächst das Gesamtprojekt kurz vorgestellt, anschließend wird in den Kapiteln 2-6 näher auf die eigene Promotionsarbeit eingegangen.

Die Erforschung des menschlichen Gedächtnisses ist nicht nur für die Neurowissenschaften von eminenter Wichtigkeit, sondern auch für Teile der Sozial- und Geisteswissenschaften, wo etwa Fragen nach kollektivem und kulturellem Gedächtnis aufgeworfen werden. Auf diesem Hintergrund findet sich auch ein stark zunehmendes Interesse der Allgemeinbevölkerung an Fragen der Gedächtnisforschung.
Das Verständnis der Funktionsweise unseres Gedächtnisses ist daher von großer Bedeutung. Die Komplexität und Verwobenheit von Gedächtnis macht es notwendig, unterschiedliche Wissenschaftsperspektiven zu betrachten. Insbesondere das Thema "Erinnern und Gedächtnis" sollte im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsansatzes untersucht werden, da das Erinnern persönlicher Erlebnisse sowohl mit der sozialen und kulturellen Umwelt einer Person, als auch mit entwicklungspsychologischen Faktoren, wie Hirnreifungsprozessen und darüber hinaus mit dem Geschlecht in Zusammenhang steht. Bisher stehen die Ergebnisse verschiedener Disziplinen unverbunden nebeneinander. In dem Gedächtnisforschungsprojekt "Erinnern und Gedächtnis" wird daher der Schwerpunkt auf eine ganzheitliche, interdisziplinäre Betrachtung menschlichen Erinnerns gelegt. "Erinnern und Gedächtnis" wird nicht nur aus neurowissenschaftlicher Sichtweise, sondern auch aus sozialwissenschaftlicher und entwicklungstheoretischer Perspektive erforscht.

2. Das Autobiographische und semantische Gedächtnis

Im Rahmen meiner Promotionsarbeit ist die nähere Betrachtung zweier Gedächtnissysteme von Bedeutung: Das autobiographische (episodische) Gedächtnis umfasst biographische Ereignisse und weitere Gedächtnisinhalte, die auf Grund einer mentalen Zeitreise erinnert werden. Dieses System ist immer an Bewusstsein und Selbstreflexion und meist auch an emotionale Inhalte gekoppelt. Das semantische Gedächtnis (Wissenssystem) speichert hingegen Fakten aus dem Bereich des Allgemein- und Weltwissens.
Das autobiographische Gedächtnis stellt eines der fünf Langzeitgedächtnissysteme dar. Es ist das komplexeste Gedächtnissystem. Zu den wichtigen Merkmalen dieser Gedächtnisstruktur zählen das Eingebettetsein der autobiographischen Inhalte in die Dimensionen von Zeit und Ort, sowie das Gekoppeltsein an Bewusstsein und Selbstreflexion. Eine autobiographische Erinnerung ist immer verbunden mit der Erinnerung an einen Ort und einen bestimmten Zeitpunkt, in dem das persönliche Erlebnis stattgefunden hat. Das autobiographische Gedächtnissystem ist stets an emotionale, affektbezogene Inhalte gebunden und erlaubt uns damit die persönliche Vergangenheit zu erinnern. Beispiele für autobiographische Erinnerungen sind der erste Schultag, das Abitur, die eigene Hochzeit u.ä. Häufig erinnern wir uns an besonders schöne, fröhliche oder traurige Erlebnisse.
Auch das semantische Wissen gehört zum Langzeitgedächtnis und stellt somit ebenfalls Erinnerungsmöglichkeiten an die Vergangenheit bereit. Anders als das autobiographische Gedächtnis speichert es jedoch nicht persönliche Erfahrungen, sondern Faktenwissen. Ein Beispiel wäre hier der Tod von Lady Diana, der allen in Erinnerung ist, oder die Tatsache, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist. Hierbei handelt es sich folglich nicht um eine persönliche Lebenserfahrung. Die semantischen Erinnerungen sind in der Regel nicht emotional gefärbt und kontextfrei, d.h. wir erinnern die Gegebenheit nicht in Verbindung mit einem Ort oder einem bestimmten Zeitpunkt. Die beiden Gedächtnissysteme sind in unterschiedlichen Gehirnregionen lokalisiert. Bisherige Forschungsergebnisse sprechen für eine überwiegend rechtshemisphärische Aktivierung des Frontal- und Temporallappens (Vgl. Abb. 1: ‚Frontal lobe?und ‚temporal lobe? bei autobiographischen Gedächtnisinhalten und für eine eher linkshemisphärische Aktivierung derselben Regionen bei Wissensinhalten. Bei autobiographischen Erinnerungen scheint darüber hinaus das Kleinhirn (Cerebellum) aktiviert zu werden (Abb.1). Dies ist bei semantischen Wissensinhalten nicht involviert.


Abb. 1: Ansicht der vier (äußeren) Hirnlappen und des Cerebellums

3. Ziel der Forschungsarbeit

Das Ziel meiner Forschungsarbeit ist die spezifische Untersuchung des autobiographischen Gedächtnisses bei Jugendlichen. Im Einzelnen geht es um die Lokalisation dieses Gedächtnissystems auf Hirnebene und um den Vergleich der aktivierten Strukturen beim autobiographischen Gedächtnis gegenüber denen, die bei semantischen Inhalten aktiviert werden. Weiterhin soll überprüft werden, auf welche Art und Weise Jugendliche ihre persönliche Vergangenheit erinnern. Im Rahmen des Gesamtprojekts "Erinnern und Gedächtnis" werden verschiedene Altersstichproben mit demselben Design untersucht, so daß ein Vergleich zwischen den einzelnen Stichproben durchgeführt, um herauszufinden, ob es auf Hirnebene und Erzählebene Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen gibt.
Als weiteres Vorhaben meines Teilprojekts ist eine kulturelle Vergleichsstudie geplant, bei der deutsche Studierende mit Studierenden einer anderen Kultur verglichen werden sollen. Es soll um die Frage gehen, ob und inwieweit kulturspezifische Merkmale beim autobiographischen Erinnern vorliegen.

4. Stichproben, Untersuchungsmethoden und Durchführung

4.1 Stichproben
Es werden zwei Stichproben Jugendlicher untersucht: Die erste Stichprobe umfasst 12 Studentinnen im Alter von 20-21 Jahren, die zweite Gruppe hingegen Schülerinnen im Alter von 14-15 Jahren. Es werden lediglich Frauen untersucht, da es aus untersuchungstechnischen Gründen nicht möglich ist, pro Stichprobe 12 Frauen und 12 Männer zu untersuchen.

4.2 Untersuchungsmethoden
Die Untersuchungsmethoden umfassen im Wesentlichen biographische und teilstandardisierte Interviews sowie bildgebende Verfahren.
Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie ist es möglich, ohne gesundheitliche Nachteile oder Nebenwirkungen für die untersuchten Personen, Aktivierungen für Gedächtnisvorgänge auf Gehirnebene sichtbar werden zu lassen. Dabei werden, ähnlich der Computertomographie, Schnittbilder des menschlichen Gehirns erzeugt, jedoch ohne Röntgenstrahlung, sondern lediglich anhand eines starken Magnetfeldes und Radiowellen. Die Patienten liegen während der fMRT in einer relativ engen Röhre und müssen über eine bestimmte Zeit ruhig liegen: Die Untersuchung ist völlig schmerzfrei. Während der Untersuchung erzeugt das Gerät sehr laute Klopfgeräusche.
Die autobiographischen Interviews werden zunächst in freiem Interviewstil geführt, d.h. die Probanden berichten persönliche Abschnitte und Episoden aus ihrem Leben. Daraus läßt sich einerseits die spezifische Darstellungsweise des einzelnen Probanden erschließen, andererseits auch die subjektiv als bedeutsam empfundenen Episoden. Letzteres wird zusätzlich durch die anschließende emotionale Einstufung (sehr positiv bis sehr negativ) der berichteten Ereignisse erzielt. Da es für die Untersuchung wichtig ist, gleich viele Episoden aus verschiedenen Lebensphasen als Stimulusmaterial für die anschließenden fMRT Durchführung zu haben, ist es notwendig neben den freien Interviews auch halbstandardisierte, durch Fragen geleitete Interviews anzuwenden. Dadurch können einige Episoden näher erfragt und fehlende Lebensphasen neu erfragt werden.

4.3 Durchführung
Wie bereits oben beschrieben, werden autobiographische Interviews durchgeführt. Die autobiographischen Erzählungen der Probandinnen sollen sich dabei auf verschiedene Lebensphasen, die zuvor festgesetzt wurden, beziehen. Bei der Stichprobe der 20-21jährigen wird in insgesamt vier Lebensphasen unterteilt: Erinnerungen an Episoden, die sich bei den jetzt 20jährigen im Alter von 3-6 Jahren, 6-11, 11-14 und 14-19 Jahren ereignet haben. Bei der jüngeren Stichprobe fällt die letzte Lebensphase weg. Zu diesen vier bzw. drei Lebensphasen sollen nicht nur autobiographische Erinnerungen untersucht werden, sondern auch semantische. Dazu werden für jede Lebensphase Fakten zusammengestellt, die im Allgemeinen erinnert werden (Bsp.: 1997 starb Lady Diana). Schwierig ist hierbei, angemessenes Faktenwissen für die frühkindlichen Jahre (3-6 Jahre) zusammenzustellen. Es wird dabei eher auf Zeichentrickfilme, Comics u.ä., die in der Zeit erschienen sind und berühmt waren und weniger auf politische Ereignisse zurückgegriffen werden. Für jede der vier bzw. drei Lebensphasen werden 36 autobiographische und 36 semantische Stimuli benötigt. Aus den autobiographischen Interviews, die mit Hilfe eines Diktiergerätes aufgenommen werden, werden daher 36 kurze Sätze pro Lebensphase zusammengeschnitten, die der Proband während der fMRT auditiv dargeboten bekommt. Die 36 semantischen Stimuli pro Lebensphase werden vom Versuchsleiter auch in Form von kurzen Sätzen vorbereitet, nachdem sie vorher an einer Kontrollstichprobe validiert wurden, d.h. als allgemeingültig und dem Wissen anderer 20jähriger entsprechend herausgestellt wurden. Bei beiden Stichproben wird vor den Interviews ein Intelligenztest durchgeführt, um die Vergleichbarkeit der Probandinnen zu gewährleisten, sowie ein Persönlichkeitstest zur Erfassung klinischer Gesundheit.
Nach der Aufarbeitung der Interviews werden von jeder Probandin funktionelle Kernspinaufnahmen gemacht, um die Aktivität der für die autobiographischen und semantischen Erinnerungen relevanten Hirnstrukturen bei Jugendlichen abzubilden. Auf der Basis der zuvor gemachten Interviews werden den einzelnen erzählten Episoden kurze Sätze/Stichwörter zugeordnet, die von den Probanden dann sicher mit den jeweiligen Episoden assoziiert werden können. Die Probanden sollen sich die zu den in Stichwörtern gehörenden Episoden intensiv vorstellen. Das Ziel ist, dadurch aktivierte Hirnregionen zu erfassen.

5. Hypothesen

Die wichtigsten vorläufigen Hypothesen der beschriebenen Promotionsarbeit sind folgende:

  • Autobiographische und semantische Erinnerungen aktivieren verschieden Hirnregionen.
  • Die beiden Stichproben Jugendlicher unterscheiden sich im autobiographischen Erinnern in Bezug auf die aktivierten Hirnregionen, da sich Stirnhirnanteile und Anteile des Temporallappens (vgl. Abb. 1) bis in die dritte Lebensdekade hinein entwickeln.
  • Es gibt kulturspezifische Unterschiede beim Erinnern autobiographischer Gedächtnisinhalte.

6. Zusammenfassung

Meine Promotionsarbeit beschäftigt sich mit dem autobiographischen Gedächtnis bei Adoleszenten. Sie stellt ein Teilprojekt einer umfassenden interdisziplinären Forschungsstudie zum Thema "Erinnern und Gedächtnis" dar. Es werden zwei Stichproben Adoleszenter untersucht, darunter eine Gruppe 14/15 Jähriger und ein Gruppe 20/21 Jähriger. Die wichtigsten Ziele der Arbeit sind die Erforschung der für autobiographische Erinnerungen verantwortlichen Gehirnstrukturen, die Gegenüberstellung dieser Hirnregionen mit denen für semantische Inhalte verantwortlichen Areale, sowie um den Vergleich der beiden untersuchten Stichproben in bezug auf die beteiligten Hirngebiete. Darüber hinaus sollen altersabhängige Unterschiede untersucht werden, indem alle untersuchten Stichproben des Gesamtprojekts "Erinnern und Gedächtnis" miteinander verglichen werden. Schließlich soll die Kulturspezifität autobiographischer Erinnerungen erforscht werden.

Für weitere Informationen zum Projekt "Erinnern und Gedächtnis. Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt." stehen folgende Links zur Verfügung:
www.memory-research.de
www.uni-bielefeld.de (wissenschaft öffentlich gemacht)