3. Ziel der Forschungsarbeit
Das Ziel meiner Forschungsarbeit ist die spezifische Untersuchung des autobiographischen Gedächtnisses bei
Jugendlichen. Im Einzelnen geht es um die Lokalisation dieses Gedächtnissystems auf Hirnebene und um den Vergleich
der aktivierten Strukturen beim autobiographischen Gedächtnis gegenüber denen, die bei semantischen Inhalten
aktiviert werden. Weiterhin soll überprüft werden, auf welche Art und Weise Jugendliche ihre persönliche
Vergangenheit erinnern. Im Rahmen des Gesamtprojekts "Erinnern und Gedächtnis" werden verschiedene Altersstichproben
mit demselben Design untersucht, so daß ein Vergleich zwischen den einzelnen Stichproben durchgeführt, um
herauszufinden, ob es auf Hirnebene und Erzählebene Unterschiede zwischen verschiedenen Altersgruppen gibt.
Als weiteres Vorhaben meines Teilprojekts ist eine kulturelle Vergleichsstudie geplant, bei der deutsche Studierende
mit Studierenden einer anderen Kultur verglichen werden sollen. Es soll um die Frage gehen, ob und inwieweit
kulturspezifische Merkmale beim autobiographischen Erinnern vorliegen.
4. Stichproben, Untersuchungsmethoden und Durchführung
4.1 Stichproben
Es werden zwei Stichproben Jugendlicher untersucht: Die erste Stichprobe umfasst 12 Studentinnen im Alter von 20-21
Jahren, die zweite Gruppe hingegen Schülerinnen im Alter von 14-15 Jahren. Es werden lediglich Frauen untersucht,
da es aus untersuchungstechnischen Gründen nicht möglich ist, pro Stichprobe 12 Frauen und 12 Männer zu
untersuchen.
4.2 Untersuchungsmethoden
Die Untersuchungsmethoden umfassen im Wesentlichen biographische und teilstandardisierte Interviews sowie bildgebende
Verfahren.
Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie ist es möglich, ohne gesundheitliche Nachteile oder
Nebenwirkungen für die untersuchten Personen, Aktivierungen für Gedächtnisvorgänge auf Gehirnebene
sichtbar werden zu lassen. Dabei werden, ähnlich der Computertomographie, Schnittbilder des menschlichen Gehirns
erzeugt, jedoch ohne Röntgenstrahlung, sondern lediglich anhand eines starken Magnetfeldes und Radiowellen. Die
Patienten liegen während der fMRT in einer relativ engen Röhre und müssen über eine bestimmte Zeit
ruhig liegen: Die Untersuchung ist völlig schmerzfrei. Während der Untersuchung erzeugt das Gerät sehr
laute Klopfgeräusche.
Die autobiographischen Interviews werden zunächst in freiem Interviewstil geführt, d.h. die Probanden berichten
persönliche Abschnitte und Episoden aus ihrem Leben. Daraus läßt sich einerseits die spezifische
Darstellungsweise des einzelnen Probanden erschließen, andererseits auch die subjektiv als bedeutsam empfundenen
Episoden. Letzteres wird zusätzlich durch die anschließende emotionale Einstufung (sehr positiv bis sehr
negativ) der berichteten Ereignisse erzielt. Da es für die Untersuchung wichtig ist, gleich viele Episoden aus
verschiedenen Lebensphasen als Stimulusmaterial für die anschließenden fMRT Durchführung zu haben, ist
es notwendig neben den freien Interviews auch halbstandardisierte, durch Fragen geleitete Interviews anzuwenden. Dadurch
können einige Episoden näher erfragt und fehlende Lebensphasen neu erfragt werden.
4.3 Durchführung
Wie bereits oben beschrieben, werden autobiographische Interviews durchgeführt. Die autobiographischen
Erzählungen der Probandinnen sollen sich dabei auf verschiedene Lebensphasen, die zuvor festgesetzt wurden,
beziehen. Bei der Stichprobe der 20-21jährigen wird in insgesamt vier Lebensphasen unterteilt: Erinnerungen an
Episoden, die sich bei den jetzt 20jährigen im Alter von 3-6 Jahren, 6-11, 11-14 und 14-19 Jahren ereignet haben.
Bei der jüngeren Stichprobe fällt die letzte Lebensphase weg. Zu diesen vier bzw. drei Lebensphasen sollen
nicht nur autobiographische Erinnerungen untersucht werden, sondern auch semantische. Dazu werden für jede
Lebensphase Fakten zusammengestellt, die im Allgemeinen erinnert werden (Bsp.: 1997 starb Lady Diana). Schwierig ist
hierbei, angemessenes Faktenwissen für die frühkindlichen Jahre (3-6 Jahre) zusammenzustellen. Es wird dabei
eher auf Zeichentrickfilme, Comics u.ä., die in der Zeit erschienen sind und berühmt waren und weniger auf
politische Ereignisse zurückgegriffen werden. Für jede der vier bzw. drei Lebensphasen werden 36
autobiographische und 36 semantische Stimuli benötigt. Aus den autobiographischen Interviews, die mit Hilfe eines
Diktiergerätes aufgenommen werden, werden daher 36 kurze Sätze pro Lebensphase zusammengeschnitten, die der
Proband während der fMRT auditiv dargeboten bekommt. Die 36 semantischen Stimuli pro Lebensphase werden vom
Versuchsleiter auch in Form von kurzen Sätzen vorbereitet, nachdem sie vorher an einer Kontrollstichprobe validiert
wurden, d.h. als allgemeingültig und dem Wissen anderer 20jähriger entsprechend herausgestellt wurden. Bei
beiden Stichproben wird vor den Interviews ein Intelligenztest durchgeführt, um die Vergleichbarkeit der
Probandinnen zu gewährleisten, sowie ein Persönlichkeitstest zur Erfassung klinischer Gesundheit.
Nach der Aufarbeitung der Interviews werden von jeder Probandin funktionelle Kernspinaufnahmen gemacht, um die
Aktivität der für die autobiographischen und semantischen Erinnerungen relevanten Hirnstrukturen bei
Jugendlichen abzubilden. Auf der Basis der zuvor gemachten Interviews werden den einzelnen erzählten Episoden kurze
Sätze/Stichwörter zugeordnet, die von den Probanden dann sicher mit den jeweiligen Episoden assoziiert werden
können. Die Probanden sollen sich die zu den in Stichwörtern gehörenden Episoden intensiv vorstellen.
Das Ziel ist, dadurch aktivierte Hirnregionen zu erfassen.
5. Hypothesen
Die wichtigsten vorläufigen Hypothesen der beschriebenen Promotionsarbeit sind folgende:
- Autobiographische und semantische Erinnerungen aktivieren verschieden Hirnregionen.
- Die beiden Stichproben Jugendlicher unterscheiden sich im autobiographischen Erinnern in Bezug auf die aktivierten
Hirnregionen, da sich Stirnhirnanteile und Anteile des Temporallappens (vgl. Abb. 1) bis in die dritte Lebensdekade
hinein entwickeln.
- Es gibt kulturspezifische Unterschiede beim Erinnern autobiographischer Gedächtnisinhalte.
6. Zusammenfassung
Meine Promotionsarbeit beschäftigt sich mit dem autobiographischen Gedächtnis bei Adoleszenten. Sie stellt ein
Teilprojekt einer umfassenden interdisziplinären Forschungsstudie zum Thema "Erinnern und Gedächtnis" dar. Es
werden zwei Stichproben Adoleszenter untersucht, darunter eine Gruppe 14/15 Jähriger und ein Gruppe 20/21
Jähriger. Die wichtigsten Ziele der Arbeit sind die Erforschung der für autobiographische Erinnerungen
verantwortlichen Gehirnstrukturen, die Gegenüberstellung dieser Hirnregionen mit denen für semantische
Inhalte verantwortlichen Areale, sowie um den Vergleich der beiden untersuchten Stichproben in bezug auf die beteiligten
Hirngebiete. Darüber hinaus sollen altersabhängige Unterschiede untersucht werden, indem alle untersuchten
Stichproben des Gesamtprojekts "Erinnern und Gedächtnis" miteinander verglichen werden. Schließlich soll die
Kulturspezifität autobiographischer Erinnerungen erforscht werden.
Für weitere Informationen zum Projekt "Erinnern und Gedächtnis. Ein interdisziplinäres
Forschungsprojekt." stehen folgende Links zur Verfügung:
www.memory-research.de
www.uni-bielefeld.de (wissenschaft öffentlich gemacht)