Bisher haben wir einen datenorientierten Standpunkt eingenommen: Hier sind die genomischen Daten, was haben sie uns zu bieten? Dieser Standpunkt kann nur ein vorübergehendes Moment sein, sozusagen unser Jäger- und Sammler-Stadium im Informationsdschungel der Molekularbiologie. Denn die Wissenschaft und die Anwendung (und im übertragenen Sinne auch die Natur) gehen ja von einem problemorientierten Standpunkt aus. Welche Enzyme und Signalmoleküle bewirken die embryonale Zelldifferenzierung? Und wie? Wenn wir schon wissen, daß sich eine unschädliche und eine tödliche Variante des CMV-Virus nur in zwei Nukleotiden unterscheiden, wie können wir diese Wirkung erklären? Wie lösen wir das Paradox der Entstehung des Lebens, daß DNA und Proteine einander wechselseitig voraussetzen?
Dazu ist es nötig, Wissen über
metabolische Zyklen
zu erarbeiten, den Zusammenhang von Sequenz, Struktur und (pathogener)
Funktion von RNA-Viren zu klären, oder Modelle der präbiotischen molekularen
Evolution zu entwickeln. Hier beginnt die eigentliche Arbeit, die die
Wissenschaftler noch auf Jahrzehnte hinaus beschäftigen wird. Auch wenn die
Phase der Datensammlung durch Genomprojekte im wesentlichen abgeschlossen sein
wird, so werden diese kompletten Baupläne des Lebens die Grundlage aller
weiterführenden Untersuchungen sein. Die Verbindung von Molekularbiologie und
Informatik wird dadurch nicht einschlafen, sondern eher noch enger werden.
Heute schon kann man beobachten, daß praktisch jede neue Fragestellung, die
die geschaffene Datenbasis nutzt, ihre spezifischen Modelle, Algorithmen und
Software-Werkzeuge braucht. Zwei Beispiele solcher Fragestellungen und
Lösungswege werden im nächsten Abschnitt vorgestellt.